Myriam Abdelaziz

Porträt eines Völkermords

Myriam Abdelaziz war zur FUTURE MEMORIES-Konferenz in Addis Abeba im September 2014 eingeladen, um über ihre Arbeit zu sprechen, insbesondere über die Serie „Porträt eines Völkermords“ („Portrait of a Genocide“), die 2014 in Ruanda entstanden ist. In dieser Arbeit wird die Bedeutung von Photographie im Prozess der Erinnerung an eine Geschichte sichtbar, die noch nicht annähernd analysiert, verstanden und betrauert ist; Photographie dient manchmal dazu, von einer komplizierten Vergangenheit zu zeugen bzw. sie in die Erinnerung zu halten.

„Niemand konnte in ein Krankenhaus gehen. Es war zu gefährlich. Meine Wunden stanken und nässten. Würmer drangen in die Öffnungen ein, und ich spuckte sie durch Nase und Hals aus.“ Noëlle Musabyirema
 

Da es Myriam Abdelaziz nicht möglich war, an der Konferenz in Addis Abeba teilzunehmen, haben wir sie eingeladen, an der Online-Publikation mitzuwirken. Sie schreibt über die Serie: 

Der Genozid in Ruanda war die massenhafte Ausrottung Hunderttausender ethnischer Tutsi und gemäßigter Hutu-Sympathisanten im Jahr 1994 in Ruanda und die größte Gräueltat im ruandischen Bürgerkrieg.

Der Völkermord wurde vor allem von zwei extremistischen militärischen Gruppen der Hutu verübt, der Interahamwe und der Impuzamugambi, in einem Zeitraum von rund 100 Tagen zwischen dem 6. April bis Mitte Juli 1994. Mindestens 500.000 Tutsi und Tausende gemäßigte Hutu wurden während des Völkermords umgebracht. Manchen Schätzungen zufolge lag die Zahl der Todesopfer zwischen 800.000 und 1.000.000.

Im Anschluss an den ruandischen Völkermord wurden die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft aufgrund ihrer Untätigkeit heftig kritisiert. Trotz Berichten in den internationalen Medien über die sich ausbreitende Gewalt hatten sich die meisten Länder, einschließlich Frankreich, Belgien und der Vereinigten Staaten, geweigert einzugreifen oder sich gegen die Massaker auszusprechen. Kanada führte die United Nations Assistance Mission for Rwanda (UNAMIR), die UN-Friedenstruppe in Ruanda, weiter an, doch der UN-Sicherheitsrat erlaubte UNAMIR nicht zu intervenieren oder das Morden  gewaltsam zu verhindern oder aufzuhalten.

Der Völkermord endete, als eine im Exil gegründete, von Tutsi dominierte Rebellenbewegung, die sogenannte Rwandan Patriotic Front, unter Führung von Paul Kagame die Hutu-Regierung stürzte und die Macht übernahm. Aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen flohen Hunderttausende Hutu und andere Flüchtlinge nach Ost-Zaïre (jetzt Demokratische Republik Kongo). Menschen, die aktiv am Völkermord teilgenommen hatten, versteckten sich zwischen den Flüchtlingen, was im Ersten und Zweiten Kongokrieg zu einer Verschärfung der Konflikte beitrug. Die Rivalität zwischen Hutu- und Tutsi-Fraktionen spielt auch im Bürgerkrieg in Burundi eine wichtige Rolle.

Zwar finden heute keine Massaker mehr statt, doch die Folgen des Völkermords sind weiterhin präsent, und die Suche nach Gerechtigkeit ist lang und beschwerlich. Etwa 500 Menschen wurden zum Tode verurteilt, weitere 100.000 sind noch in Haft. Allerdings ist es einigen der Anführer gelungen, der Verhaftung zu entkommen, während viele, die ihre Angehörigen verloren, noch auf Gerechtigkeit warten.

Diese Arbeit ist den Überlebenden gewidmet, die alles verloren haben außer ihrer Erinnerung.

 

Myriam Abdelaziz, geboren in Kairo, ist eine französische Fotografin ägyptischer Herkunft. Sie studierte Politikwissenschaft, Journalismus und Marketing und war sieben Jahr im Marketing tätig. Sie entschied sich dann, professionell im Bereich Fotografie zu arbeiten, und machte 2006 einen Abschluss am International Center of Photography in New York. Ihre Arbeiten sind in Magazinen wie dem Time Magazine, Marie-Claire, Newsweek, Smithsonian, Le Monde, Courrier International, The British Journal of Photography, PDN und Eyemazing erschienen und außerdem weltweit ausgestellt worden. Myriam ist Mitglied des Kollektivs RAWIYA (‚Die, die eine Geschichte erzählt‘), ein Zusammenschluss von Fotografinnen aus dem Mittleren Osten. http://www.myriamabdelaziz.com/#!portraitofagenocide/

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