Michael Tsegaye

Future Memories

Photographie funktioniert in Michael Tsegaye’s Arbeit als ein Doppelagent – als Werkzeug, mit dem man arbeiten, und als Medium, das man anschauen kann, als Wortschatz, um Geschichten zu erzählen, und als Abdruck der Realität. Seine Bilder beinhalten in ihrer Dualität eine Reibung zwischen zwei Kräften, die man als Sicht von innen und Blick aus der Ferne beschreiben könnte, und schaffen so ein Kontaktzone mit der sich ständig verändernden äthiopischen Realität, betörend, voller kompositioneller und analytischer Präzision und Kontrast. Schönheit, Traurigkeit, Bewusstheit und Spiritualität sind fast physisch spürbar, fließen ineinander und bilden so das Gewebe seiner Bilder.

Michael Tsegaye hat den Teilnehmern der FUTURE MEMORIES-Konferenz einen Einblick in seine Arbeit und sein künstlerisches Denken gewährt, nämlich in seine laufende Serie “Future Memories” (2006-). Diese Serie, die der Konferenz vorausging, lotet bereits die Reichweite und den Spielraum der zentralen Diskurse über Erinnerungskultur, öffentlichen Raum, Verlust und urbanen Wandel aus. Die Herausgeber sind besonders froh darüber, ein Bild aus der Serie online zu präsentieren.

Portraits jüngster Veränderungen von Vierteln Addis Abebas: eine sich wandelnde Stadtlandschaft (2011/2012)

David Gonzales schreibt:

Veränderung ist eine Konstante in Michael Tsegaye’s Photographien. Im Laufe der vergangenen 16 Jahre hat er Bilder des ländlichen und städtischen Äthiopien gemacht, das den grundlegenden Wandel seines Heimatlandes bezeugt. Er fängt weite Panoramen ein, von Märkten, die am Rande neu erbauter Straßen emporschießen, oder Details wie die zerborstenen Bilder auf Grabsteinen, die abtransportiert werden, um Platz für die Stadtentwicklung zu machen, oder die rasch verschwindenden Communities im gentrifizierten Addis Abeba, die neuen Hochhäusern weichen.

Letzteres bildet den Kern von “Future Memories”, einer Serie, die er 2006 begonnen hat, als befreundete Architekten ihm den Tipp gaben, welche alten Viertel kurz davor stünden, niedergewalzt zu werden.

“Ich weiß, dass die Stadt sich in 10 Jahren verändert haben wird. Diese Bilder werden für mich eine Erinnerung geworden sein. Kennen Sie das Sprichwort: “Man weiß nicht, was man hat, bevor es verschwunden ist”? Daran musste ich denken, als ich diese Fotos machte. Damit habe ich versucht zu arbeiten. […]“

Mit seinen Aufnahmen in Schwarzweiß, das seinen Bildern einen leicht melancholischen, traumähnlichen Ton verleiht, hat Tsegaye in einer Art Chronik aufgezeichnet, wie alte Gemeinschaften durch neue Strukturen ersetzt werden. Er geht durch die Stadt und fotografiert Orte, die er seit seiner Kindheit gut gekannt hat. Wo einst Gemeinschaftsküchen und kleine Gewerbebetriebe Dutzende Familien versorgten, entstehen antiseptische Neubauten.

“Jeder hat jetzt eine eigene Küche, Bad und Wohnzimmer. Aber in den alten Nachbarschaften teilte man alles. Das erzeugt eine andere Dynamik zwischen den Leuten. Die Neubauten im Stadtzentrum sind für die, die sie sich leisten können. Die es sich nicht leisten können, ziehen in die neuen Gegenden. Und all diese Details werden verloren sein, wenn sie in die Vorstädte ziehen. Für mich ist es so, als ob ich mit jemandem, der das Land nicht kennt, umhergehe und ihm zeige, was ich erlebt habe. Die Musik dieses Landes, seine Bücher, die Bildung, die ich aus seiner Geschichte bekommen habe – das möchte ich in die Fotos legen.

In: “The Changing of Ethiopia: in Photos“ [„Die Verwandlung Äthiopiens: in Fotos“], New York Times Lens Blog: Web. 12 May 2014. http://lens.blogs.nytimes.com/2014/05/12/changing-ethiopia-in-photos/?_php=true&_type=blogs&_r=0

Michael Tsegaye, geboren 1975, lebt und arbeitet in Addis Abeba, Äthiopien. Er hat 2002 seinen Abschluss in Malerei an der School of Fine Arts and Design der Universität Addis Abeba gemacht, gab jedoch kurz darauf die Malerei auf, nachdem er eine Allergie gegen Ölfarben entwickelt hatte. Anschließend entdeckte er seine wahre Leidenschaft für Fotographie und hat daraus nicht nur einen Beruf gemacht, sondern auch eine Möglichkeit, eine sehr eigene Stil auszudrücken. Viele seiner Arbeiten bieten einen Einblick in das Leben des heutigen Äthiopiens. Michael Tsegaye hat regelmäßig für internationale Publikationen wie Der Spiegel, Jeune Afrique, und enorm gearbeitet, aber auch für die Presseagenturen Bloomberg und Reuters sowie für mehrere international NGO’s. Darüber hinaus ist er ein bekannter Künstler, der sich auf soziale Dokumentar- und Kunstfotografie konzentriert. Er stellt weltweit aus.

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