Berhanu Ashagrie Deribew

Künstlerische Praxis und die Repräsentation von Erinnerung: Future Memories

Stadträume und -orte haben sich über unterschiedliche historische Epochen hinweg entwickelt; es sind die Erinnerungen und Denkmäler selbst, die es sich mit veränderten Aktivitäten im urbanen Raum zu erarbeiten gilt. Derzeit durchlaufen viele afrikanische Städte eine gewaltige Verwandlung; es ist daher von höchster Dringlichkeit, Themen zu diskutieren, die mit Kunst und öffentlichem Raum, Erinnerung und Erinnerungskultur zu tun haben. Das Hauptanliegen der internationalen FUTURE MEMORIES-Konferenz war es – und es ist ihr gelungen, diesem Anspruch gerecht zu werden –, eine kritische Plattform zu schaffen, auf der diese relevanten gesellschaftlichen Themen diskutiert werden können. Eine solche Plattform trägt nicht nur zur Aktivierung einer engagierten, kreativen und sachkundigen Bürgerschaft bei, sondern eröffnet auch produktive Wege, um mit Stadtplanern, Entwicklern und politischen Entscheidungsträgern zu verhandeln und Einfluss auf sie zu nehmen.

Die Revitalisierung der Stadt kann von den Stadtbewohnern allerdings auch ganz anders wahrgenommen werden. Verständlicherweise sind zahlreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der Veränderung des Stadtraums sehr wichtig, aber in nicht wenigen afrikanischen Städten sind die gesellschaftlichen Implikationen dieses Wandels massiv. Viele Bewohner stehen in ihrem täglichen Überlebenskampf den vielfältigen Umwälzungen, die auf ihr Leben einwirken, gleichgültig gegenüber. Daher die Frage: welche Modernisierung? Und so hat sich die Vorstellung einer trügerischen Form der Modernisierung entwickelt.

Der Prozess der Schaffung einer modernisierten Metropole ist untrennbar verbunden mit der Herstellung neuer Erinnerungen und Erinnerungskulturen. Allerdings muss die Produktion solcher neuer Erinnerungen diejenigen vergangenen Erinnerungen berücksichtigen, die den Weg für zukünftige Erinnerungen bereiten. Hier sind öffentliche Orte für die Konstruktion kollektiver Erinnerungen entscheidend, weil sie letztlich Orte sind, an denen sich deren Performativität im Verlauf der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – erweist. Es sollten Räume sein, die Interaktion und Engagement ermöglichen und in denen die Anwesenheit kreativer und darstellerischer Produkte spürbar ist. Allerdings scheinen künstlerische Beiträge und Praktiken im Revitalisierungsprozess vieler afrikanischer urbaner Räume kompromittiert worden zu sein. Wir können aber nur Stadträume entwickeln, die einzigartig sind und funktionieren, wenn Geschichte, Kultur und kollektive Erinnerungen entsprechend verhandelt, konstruiert und aufrechterhalten werden. Das könnte umso erfolgreicher geschehen, wenn die kreative und kritische Vorstellungskraft ermutigt und in den Prozess integriert wird, in dem umfassende Gestaltungsformen entstehen.

Nicht anders als Geschichtsbücher sind Denkmäler, Wahrzeichen und Bauwerke lebende Zeugnisse, die helfen, die Vergangenheit besser zu begreifen und zu erhalten, die Gegenwart zu verhandeln und zu konstruieren und die Zukunft vorstellbar zu machen und zu gestalten. Um diesen Wirklichkeiten mehr Sinn zu verleihen, ist die aktive Mitwirkung der Anwohner vor Ort notwendig. Und, wichtiger noch, die Fachleute müssen sich aktiv an der Übersetzung und Implementierung von Modernisierungsaktivitäten beteiligen; nicht nur im Sinne der Anpassung an offenstehende Möglichkeiten, sondern auch, damit sie sich kritisch einbringen und selbst in schwierigen Situationen die Grenzen erweitern können.

Angesichts solch drängender Realitäten in zahlreichen afrikanischen Städten hat die dreitägige FUTURE MEMORIES-Konferenz eine kritische Plattform geschaffen, auf der Themen, die mit Kunst, öffentlichem Raum, Erinnerungskultur und der Ausführung von Denkmälern zu tun haben, mitgeteilt und diskutiert wurden. Dies wiederum hat alternative Möglichkeiten für Reflexion, Interaktion und Antworten hervorgebracht, die über das Alltägliche hinausgehen und sich auf existierende bzw. vergangene, durch die rasch sich wandelnden urbanen Landschaften unterbrochene soziale Realitäten hin öffnen. Während der Konferenz versuchten Forscher, Künstler, Architekten, Kuratoren, Schriftsteller und Historiker Antworten auf die zentralen Herausforderungen zu finden und produktive Formen künstlerischer Praktiken im öffentlichen Raum zu erarbeiten, um Erinnerungskultur und die Gestaltung von Denkmälern wiederzubeleben und zu pflegen, zu interpretieren, zu konstruieren und zu verhandeln. Darüber hinaus betonte die Konferenz die Bedeutung des gesellschaftlichen Engagements im öffentlichen Raum und versuchte, neue Formen eines solchen Engagements zu definieren, bei denen Kunst als kritisches Medium benutzt wird, um zu fragen, was auf kulturellem, politischem, gesellschaftlichem und ökonomischem Gebiet gebraucht, was angeboten und was geliefert wird, um so unsere individuelle und kollektive Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Die FUTURE MEMORIES-Konferenz war auch eine produktive Plattform, um unser Verständnis und unsere Erfahrung herauszufordern, wie Denkmäler und Monumente als Gestaltungsformen kollektiver Erinnerung entwickelt, verhandelt und ausgeführt werden sollen. Zudem hat sie vielschichtige Möglichkeiten hervorgebracht, unser Verhältnis zur Monumentalität zu überdenken und weiterzuentwickeln; dies wiederum hat die Jurymitglieder, die über die eingereichten Projekte für die Entwicklung eines Denkmals auf dem Gelände des neu errichteten Peace and Security Building der Afrikanischen Union in Addis Abeba zu befinden hatten, auf produktive Weise in ihrem Entscheidungsprozess beeinflusst.

Wir betrachten die internationale FUTURE MEMORIES-Konferenz nicht einfach als einmaliges Ereignis, das die Gelegenheit bietet, solche wichtigen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren, sondern als produktiven, anhaltenden Prozess, um Strategien zu entwickeln, mit denen wir kontinuierlich auf die Schaffung eines besseren Verständnisses hinarbeiten können, und um unsere Beziehungen mit möglichen zukünftigen Partnern hinsichtlich unterschiedlicher Realitäten auf dem Kontinent zu pflegen. Diese Erwartung wurde durch die begeisterte Reaktion und das Interesse der internationalen Mitwirkenden und Teilnehmer und ihre bemerkenswerten Einsatzes bestätigt, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf die wir bei zukünftigen Veranstaltungen miteinander hinarbeiten werden. Wir sind sicher, dass die internationalen FUTURE MEMORIES-Konferenz bleibende Spuren hinterlassen und in Zukunft immer mehr Möglichkeiten hervorbringen wird, die kritischen Themen in unterschiedlichen Kontexten zu diskutieren.

Zum Schluss möchte ich mich herzlich beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) dafür bedanken, dass es unsere institutionelle Partnerschaft zur Organisation dieser Konferenz auf den Weg gebracht hat. Außerdem gilt mein Dank dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland für seine großzügige finanzielle Unterstützung über die gesamte Entwicklungszeit der Konferenz sowie all den lokalen und internationalen Teilnehmern für ihre bemerkenswerten und wertvollen Beiträge. Darüber hinaus gilt meine Anerkennung dem unablässigen bemerkenswerten Engagement des Organisationsteams auf beiden Seiten.

Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Klöckener.
Berhanu Ashagrie Deribew, bildender Künstler, Leiter der Alle School of Fine Arts and Design, Skunder Boghossian College of Performing and Visual Arts, Universität Addis Abeba. Durch sein institutionelles Engagement hat er sich vor allem auf die Schaffung kritischer und multidisziplinärer Möglichkeiten konzentriert, zeitbasierte Künste zu lehren. Als Künstler hat er sich außerdem intensiv mit prozessgestützten kreativen Praktiken in Stadträumen und -orten beschäftigt, die durch die rasch sich wandelnde Umgebung in urbanen Landschaften ständig neu definiert worden sind.

Go back